Gedichte über Berlin

Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin! Was wollt ihr in Berlin? In Berlin wohnen doch die Berliner. Die gelten zwar trotz ihrer Schnauze als gemütliches Volk, doch rundlich gebaut, mit Zucker bestreut und ein paar Tropfen Kommunistenblut im Innern haben sie nur unter Karnevalkoholikern einen guten Ruf als Delikatesse, woanders sind sie eher pfui. Die berühmteste Verwendung der Berliner als Berliner Mauer scheiterte grandios.

Gedacht als Nahrungsreserve für notleidende Familien in Ost und West blieb die Mauer fast drei Jahrzehnte unangebissen, bis das Viersinddas-Volk aus dem Osten doch noch auf den Geschmack kam. Aber die Alternative, weiterhin trockene Fünfjahrespläne ohne Butter bei de’ Fische zu spachteln, war auch zu grausig.

Neben Berlinern hat es in Berlin auch viele Zugereiste der Marke „Keine Ahnung, aber große Schnauze“. Die halten ihre Treffen im Berliner Reichstag ab, denn reich werden wollen sie natürlich alle und mit Dummrumquatschen kann man bequem reich werden: Da weeß ick Bescheid von.

Wie passen nun die Dichter zu Berlin? Ganz hervorragend, so wie Marmelade zu Streuselkuchen, denn große Klappe und nichts dahinter ist sozusagen Einstellungsvoraussetzung für Dichter aller Art. Bekannt wurden z.B. die Expressionisten, die selbstredend auch über Berlin ihre Expressionen ausschütteten. Auch andere Lumpen ließen sich nicht dichtern über Berlin ein paar lobende Worte zu vermatschen. Also: Frohes Schlammwaten durch Berlin.

Berliner Morgenstern 1

Was der Morgenstern da verschlammbadet, ist natürlich ironisch gemeint – glooben die Berliner.

Christian Morgenstern (1871-1914)

An Berlin

Wie ich dich hasse
und alle, die in dir hausen,
diese kompakte Masse
elender Banausen.

Berliner Morgenstern 2

Siehste, hab ich doch gesacht: Berlin is’ Blume. Was der Morgenstern da sonst so verplappert, dürft ihr nicht so ernst nehmen.

Christian Morgenstern (1871-1914)

An Berlin [2]

Nein, sandentrungene Blume,
  du lockst mich nicht mit deinem Duft,
mich hält der Äcker glänzende Krume
  und nährende Ährenluft.

Wiege dein eitles Haupt nur!
  Ich lache dein.
Dein Blütenstaub bestaubt nur
  den Sonnenschein.

Berliner Winter-Impressionen

Wenn einer Impressionen schreibt, kann er kein Expressionist sein, nich’ wa’? Folglich gibt’s in diesem berlinerken Gedicht ein paar völlig unexpressionistische Impression aus dem Berliner Winter und als Bonus einen Reim auf Gerippe, der total berlinesque ist.

John Höxter (1884-1938)

Berliner Winter

Erbssuppenhimmel, der zu Boden fließt –
Die Erde patscht.
Spreenebel und Schlotauswurf drücken
Der nackten, nassen Teerpappbauten Rücken.
Wie Scheuerlappen hingeklatscht
Schneeflächen, rußgefleckte, her und hin;
Des Großstadtwinters Bettelhermelin.
An fensterlosen, steilen Häusermauern,
Auf Schuppen, die umzäunt im Kehricht kauern,
Frieren erlosch’ne Farben der Reklamen,
Die einst Glutrosen, strahlende Cyklamen,
Goldgelbe Primeln, lilasüßer Flieder,
Einklangen in der Sonne Sommerlieder
Und die mich jetzt durch grelles Lärmen stören,
Misstönend zu den grauen Dämmerchören,
Drin, hinter blätterlosem Baumgerippe
Flussbögen blinken und des Todes Hippe.

Berliner Fräulein

Aus der Zeit als es noch Fräuleins gab, ist das nächste Berlinchen. Und ihr seht: War schon damals alles nicht so dolle auffe Arbeit, ooch nischt als Fräulein.

John Förste (1889-1941)

Berliner Tippmädel

Acht, zehn, zwölf Stunden täglich schuftet sie – und lacht.
Und hat noch Zeit, zu plätten und zu tanzen.
Nachts schläft sie müde. (Oder nicht. – Berlin hat Wanzen!)
Auch weint sie manchmal. Heimlich in der Nacht.

Sie trinkt gern Sekt. Man schätzt sie im Büro.
Man weiß, sie plagt sich gern. Für Muttern, kranken Bruder.
Der feiste Chef grunzt oft: „Patentes Luder!“
Sie hustet etwas. Doch das ist halt so ... –

Urlaub! – ein Jahr ersehnt! Wie blass und froh
Flitzt sie nach Wannsee. Schwimmt, tollt, bräunt und hat
Doch irgendwie den ganzen Plunder satt. –
(Sie liebt famos! Doch das ist sowieso!)

Berliner Reim

Wurd auch Zeit: Hier wird Berlin gereimt und Berlin reimt ganz wunderbar auf „hin“, oder auch nicht. Können die Berliner eigentlich gar nix?

John Förste (1889-1941)

Berlin

Zweizentnernutten mit gediegnen Taschen
Stehn breitbeinig vor Friedrichstraßenläden
Provinzofferte. Doch sie zwinkern jedem,
Der gerne einmal gegen bar will naschen.
Ein Auto vierradbremst, ein Droschkengaul schlägt hin,
Berlin. –

An einer Ecke preist ein dürrer Kavalier
(Zylinder, Goldzähne nebst Ankertätowierung)
Für sechzig Pfennig ein ganz perverses Tier
Aus Gummi. Heute nur! Man kauft. Wozu Garnierung?
Zwei Taschenspezialisten schleichen hin ...
Berlin. –

Absteigen haben tagsüber schon Kasse.
Es läuten Glocken – Feuerwehr sprengt an.
In einem Flur verschiebt ein Gannef mit Elan
Weit unterm Preis Brillanten! – Nepp statt Kasse. –
Ein Kragenloser schielt nach Backwerk hin. –
Berlin. –

Arbeiter reißen in die Straße jetzt ein Loch.
Es stinkt nach Schweiß. Zwei Abtreibärzte schnaufen.
Ein junges Weib muss sich um Milchschulden verkaufen.
Bankstifte wittern beinwärts: „Mensch, die roch!“
Sie gehen zum Scheckamt ... Werden abends fliehn.
Berlin. –

Die Nacht steigt lüstern, blendend weiß und kalt,
Premieren saugen Luxusautoreigen.
Aus einer Menschenhöhle riecht’s verflucht nach Leichen!
Die Hure Nacht grient, rot- und weißbemalt.
Wirbt. Ekelt ... Flattert. Schmeißt sich selbstverständlich hin ...
Berlin ...

Berliner Literatur

Berlin hat nicht nur Mauern und Ruinen, sondern auch viele Buchstabenschreiber. Tatsächlich gehört es zum guten Ruf eines Literaten, mindestens einen Koffer in Berlin stehen zu haben. Wahrscheinlich um darin Klöpse zu horten, denn wer mag Klöpse janz dicke? Icke, schreit da jeder Berliner.

Wilfried Ihrig (1953)

berliner literaturgeschichte

et jab altro
et jab jean de bourgois
et jab carow
et jab döblin
et jab einstein
et jab jünter bruno fuchs
et jab glaßbrenner
et jab heller
et jab icke & er
et jab jeheimrats jette
et jab klarinetta klaball
et jab luise lemke
et jab walter mehring
et jab jünter neumann
et jab ohle
et jab paule panke
et jab rio reiser
et jab slang
et jab tucho
et jab rolf ulrich
et jab von versewitz
et jab wille
un
et jab zille
janz zu schweijen
von allen andern,
die et natierlich ooch jab

 

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