Schach-Gedichte

Schach ist das königliche Spiel, weil auf dem Brett zwei Könige herumlungern, die auf ihr Ableben warten. Das ist wie im richtigen Leben, da haben Könige auch nichts Besseres zu tun. Der Legende nach soll es in Indien für einen dortigen „König“ erfunden worden sein. Als Belohnung wünschte sich der Erfinder, dass auf dem ersten Feld ein Fettleibiger platziert werden sollte, auf dem zweiten zwei, auf dem dritten vier, auf dem vierten acht usw. Anschließend wurde das Brett ins Meer abgekippt und man war mit einem Schlag alle Übergewichtigen der Welt los. Nachteil: Die Sintflut kam über die Erde, aber das ist eine anderen Geschichte.

Der Beiklang von Schach als königlichem Spiel, das es eine besonders vornehme Art des Zeitvertreibs wäre, führt völlig in die Irre. Da ist nichts vornehm. Schachspieler sind keine edlen Gestalten, sondern müssen von der Sorte Rechthaber, Besserwisser oder Berufsbestrafer sein, um Erfolg zu haben. Denn Schach funktioniert so: Es gewinnt derjenige, dem es gelingt, seinen Gegner zu einem Fehler zu verleiten, um ihn dann dafür zu bestrafen. Oder kurz gesagt: Nette Leute spielen Schach.

Und: Action

Das ist sozusagen ein Gedicht-Film für Schachspieler mit lebenden Figuren. Man sollte allerdings Englisch können, um den Film zu verstehen. Wer das jetzt nicht versteht, egal, gibt sowieso kein Happy End.

Hans Retep (geb. 1956)

Zwei schwarze Ritter

Zwei schwarze Ritter hüpfen durch die Felder.
Die Bauern stehen blass und angsterstarrt.
„Herr Bischof, hilf! Er möge für uns beten“,
doch der bleibt stumm, weil in die Queen vernarrt.

Des Königs Turm: gestürzt mit einer Gabel.
– Was für ein blödes Spiel!
Pack die Figuren alle in den Kasten,
dies Klötzchenschieben wird nicht mein Lebensziel.

Schachquatscher

Ihr werdet selten zwei Schachspieler dabei erwischen, während einer Partie miteinander zu reden. Deshalb ist Schach bei Männern so beliebt, Mann muss nix sagen. Bei Partien nur für Spaß kann man schon mal eine Ausnahme machen, zumal Piken und Sticheln das Vergnügen erhöht, den Gegner niederzumetzeln.

Georgi Kratochwil (geb. 1979)

Die Schachpartie

Du verlierst.
Nein, nein.
Du verlierst.
Nein, nein.
Du verlierst.
Lass sehn.
Du verlierst.
Lass sehn.
Du verlierst.
OK.
Du verlierst.
OK.
Du verlierst.
Ja und?
Du verlierst.
Ja und?
Du verlierst.
Trotzdem.
Du verlierst.
Trotzdem.
Du verlierst.
Mal sehn.
Du verlierst.
Mal sehn.
Du verlierst.
Ach ja?
Du verlierst.
Ach ja?
Du …
Ja was?
Du …
Ja was?
Oh.

Ein ultramodernes Schachgedicht

Dieses Gedicht stammt aus dem Schachwerk mit dem perversen Titel Die Fesselung ist immer und überall. Für Schachspieler ergibt es möglicherweise Sinn, für alle anderen gilt: Bitte weitergehn, hier gibt’s nichts zu sehn.

Hans-Peter Kraus (geb. 1965)

 

Das Schach Das
Mit einem Schach
Bean Twort
E.T.
WÜRDE! WÜRDE!
Mit einem Schach
Bean Twort
E.T.

Schachfilm, die zwote

Auch hier wird eine Schachpartie sehr lebensnah erzählt, so dass man fast vergessen könnte auf der Seite mit Schachgedichten zu sein, wenn am Schluss nicht das Brett käme.

Martina-Riccarda Niklis (geb. 1966)

In den letzten Zügen

Der alte König
schleppt sich schwerverwundet
hinter den brüchigen Turm.
Ein Bauer reicht ihm trübes Wasser.
Von Ferne hört man
Säbelrasseln
und Stöhnen als ein
Ritter fällt.

Wie kann es sein,
dass eine Queen, wie sie es ist,
die echte Königin
im weißen Kleid und stolz,
genommen wird
von dem zu Pferde,
der plump daher geritten kommt
und sich danach
das königliche Blut
vom Wams wischt,
hinten auf g2?

Schach zum Singen

Ist eigentlich während der Partie nicht erlaubt: singen. Aber post mortem geht vielleicht was außerhalb des Turniersaals. Auf E-Gitarren-Solos sollte jedoch verzichten werden.

Hans-Peter Kraus (geb. 1965)

schachweise

wenn weiß was weiß
was schwarz nicht weiß
dann seh ich schwarz für schwarz

wenn schwarz was weiß
was weiß nicht weiß
dann seh ich schwarz für weiß

wenn weder schwarz noch weiß was weiß
was weder weiß noch schwarz nicht weiß
dann wird’s ein grau Remis

 

Noch 2 Gedichte in der Warteschlange.

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